„Ein Dorfschulmeister muss auch im Kleinsten treu sein.“
Erinnerungen an den verdienstvollen Heimatforscher Richard Witzsch

Es ist die Zeit der industriellen Revolution, als am 24. August 1877 die Ehefrau des Druckereibesitzers Ottomar Carl Witzsch in Glauchau einen Sohn zur Welt bringt, dem die Eltern den Namen Richard geben. Hier in den Besitzungen der Grafen von Schönburg – Glauchau gehen die Uhren der Zeitgeschichte etwas langsamer, denn erst im Jahre 1878 wurde die vollständige Justiz – und Verwaltungshoheit des Königreiches Sachsen mit Bildung der Amts hauptmannschaft Glauchau hergestellt.
Vielleicht ist das auch der Grund für eine besondere Heimatverbundenheit der hier lebenden Menschen. Vater Carl Ottomar verweist nicht ohne Stolz darauf, dass seine Vorfahren seit 1702 in der Region ansässig und „...der Buchdruckerkunst beflissen..“ sind. Als Herausgeber des „ Schönburg – Waldenburger Anzeigers“ , einer Heimatzeitung für Waldenburg – Glauchau, ist es ihm ein besonderes Anliegen, die Geschichte der Heimat wach zu halten.
So ist möglicher weise der Lebens – und Berufsweg des jungen Richard Witzsch in der Nachfolge seines Vaters bereits vorgezeichnet, doch dessen früher Tod lässt es nicht dazu kommen. Sein nach eigenen Worten „ überaus guter Stiefvater“ , ein Gastwirt, bringt ihn „... mit aller Welt in vielen Städten und Dörfern zusammen und öffnet ihm die Augen für Menschen und Natur.“ Er ermöglicht dem wissbegierigen Jungen eine ausgezeichnete Bildung. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Oschatz studiert Witzsch am traditionsreichen Lehrerseminar in Dresden – Friedrichstadt, 1778 als erstes deutsches Seminar für Volks schullehrer gegründet.
Nach einer kurzen Militärzeit im Jahre 1899 tritt der junge Schulmeister im gleichen Jahr seine erste Lehrerstelle in Burkhardswalde bei Meißen an. Über Brand – Erbisdorf, die nächste Station seines beruflichen Wirkens, kommt er schließlich nach Dorfchemnitz bei Sayda. Er heiratet die im Jahre 1883 geborene Paula Elisabeth Mehner, die 1906 die Tochter Margarethe und 1907 den Sohn Karl zur Welt bringt. Nach wie vor ist Richard Witzsch als zweiter Lehrer tätig, er sehnt sich aber nach Verantwortung und Möglichkeiten, selbst zu formen und zu gestalten.
Deshalb bewirbt er sich im Jahre 1907 um die frei gewordene Stelle des Oberlehrers und Schulleiters der zweiklassigen Volksschule in Mobendorf als Nachfolger des bisherigen Lehrers Karl Mauersberger. Im Januar 1908 zieht die junge Familie in das Mobendorfer Schulhaus ein, damals sicher noch nicht ahnend, dass das Dorf an der Striegis für nahezu 30 Jahre zur Wirkungsstätte des rührigen Schulmeisters und zugleich zu seiner zweiten Heimat wird. Für Richard Witzsch beginnt eine Zeit aufopferungvollen Schaffens, etwa 100 Kinder wollen täglich unterrichtet werden. Dazu steht ihm ein Klassenzimmer zur Verfügung.
Vormittags sitzen vor ihm die Schüler der Klassen 5 bis 8, am Nachmittag werden sie von den Kleinen, also den Schülern der Klassen 1 bis 4, abgelöst. Ehefrau Paula vermittelt den größeren Kenntnisse in Handarbeiten

Die Mobendorfer Schule
Die Witzschs werden sehr schnell heimisch und bald entdeckt der junge Oberlehrer seine Liebe zu den stillen Tälern der Striegis und zu den Dörfern und ihrer Geschichte. Diese Liebe gibt er gern an die ihm anvertrauten jungen Mobendorfer weiter.
Bei Wanderungen und Unterrichtsgängen in den heimatlichen Fluren vermittelt er Wissen zur Natur und dem dörflichen Lebensraum und fördert so das Heimatgefühl seiner Schützlinge. Umfangreiche Nachforschungen in Archiven, alten Akten und Kirchenbüchern sowie zahllose Gespräche mit den Bewohnern der Dörfer erweitern ständig sein Wissen.

Richard Witzsch mit Mobendorfer Schülern
Der erste Weltkrieg unterbricht für 21 Monate Witzschs rastloses Schaffen.
Als er im Dezember 1918 wieder in sein Dorf zurückkehrt, geht er mit ungebrochenem Elan erneut an die Arbeit. Bald er scheinen die ersten Beiträge aus seiner Feder in den „ Hainichener Heimatblättern“ sowie in der Monatsschrift des Roßweiner Tageblattes „ Unsere Heimat“.
Viel Interessantes erfährt der Leser über die Geschichte der Heimat sowie zu alten Sagen, u. a. über die „ Teufelskanzel“, zu Sitten und zum heimatlichen Brauchtum. Der Mobendorfer Schulmeister ist ein fleißiger Mann. Im Verlag von C. G. Roßberg in Frankenberg erscheint im Jahre 1929 sein erstes Heimatbüchlein
„ Zwischen Chemnitz und Freiberg – Die Dörfer an der Striegis“, heute eine nur noch in wenigen Exemplaren vorhandene Rarität. Im Jahre 1934, Tochter Margarethe ist inzwischen als Lehrerin in die Fußstapfen des Vaters getreten und Sohn Karl hat sich der Veterinärmedizin zugewandt, stirbt, erst 51 Jahre alt, seine Gattin Paula, für Richard Witzsch ein harter Schlag.
Trotzdem ist seine Schaffenskraft ungebrochen. Vorrangig wendet er sich in der folgenden Zeit der wechselvollen Ge schichte seines Dorfes Mobendorf zu. Im 1936 bei J. H. Pflugbeil in Roßwein verlegten Heimatbuch „ Mutterboden“ beschreibt er die leidvollen Erfahrungen und die schmerzlichen Opfer der Bewohner des kleinen Dorfes in den zahlreichen Kriegen vergangener Zeiten. Sein nach eigenen Worten drittes Buch soll eine Kartei – oder auch ein Register – des Pappendorfer Kirchenbuchs für die Jahre 1566 – 1712 werden.
Wir wissen nicht, ob der fleißige Mann dieses Vorhaben noch vollenden konnte. Leider fehlt davon bis zum heutigen Tag jegliche Spur. Allmählich leidet Richard Witzsch immer stärker an einer Herzerkrankung. Schließlich führt diese im Jahre 1937 zu seiner Pensionierung.
Sicher nicht ohne Wehmut verlässt er das Dorf, das „.. mir und meiner lieben verstorbenen Gattin eine Heimat wurde.“ Seinen neuen Wohnsitz findet er in Dresden, wo Tochter Margarethe beruflich tätig ist. Hier in unmittelbarer Nähe des sächsischen Staatsarchivs will er noch einmal ganz seiner Leidenschaft, der Erforschung unserer Heimatgeschichte, nachgehen. Leider ist ihm nur noch eine kurze Zeit vergönnt.
Am 5. November 1939 stirbt Richard Witzsch in einem Dresdener Krankenhaus. Am 11. November findet er an der Seite seiner Gattin auf dem Pappendorfer Friedhof seine letzte Ruhestätte. Leider sind genauere Angaben nicht mehr zu erhalten, da die standesamtlichen Akten zu seinem letzten Wohnsitz Dresden – Lockwitz beim Bombenangriff im Februar 1945 nahezu vollständig vernichtet wurden.
Vor 100 Jahren, im Januar 1908, trat der Dorfschulmeister, wie er sich selbst gern nannte, seinen Dienst in Mobendorf an. Vieles über die Geschichte der Dörfer an der Striegis wäre sicher ohne Witzschs aufopferungsvolle Forschertätigkeit bis heute verborgen geblieben.
Wir erinnern an einen bescheidenen Mann, der sich getreu seinem Wahlspruch „ Ein Dorfschulmeister muss auch im Kleinsten treu sein“ bleibende Verdienste um unserer Heimat erwarb. Im Jahre 2008 erhält als späte Ehrung des verdienstvollen Mannes die bisherige Hauptstrasse in den Striegistaler Ortsteilen Mobendorf und Pappendorf den Namen „ Richard – Witzsch – Strasse“. Franz Schubert


